„Dass ein gutes Deutschland blühe…“ – Leben nach Kriegsende 1945 bis 1949
Am Freitag, den 07. November, fand in der Aula des Friedrichsgymnasiums ein eindrucksvolles Literaturkonzert statt. Die Veranstaltung wurde von der Fachschaft Geschichte im Rahmen der schulischen Erinnerungskultur organisiert, wobei Herr Adami die Hauptverantwortung für Planung und Durchführung trug. Eingeladen waren die Jahrgangsstufen 11 und 13, die Eltern-vertretung, die Kolleginnen und Kollegen der Fachschaft Geschichte sowie Gäste des Engelsburg- und Goethegymnasiums.
Das Ensemble OPUS 45, dessen Name auf ein Berliner Orchesterprojekt zurückgeht, bei dem Johannes Brahms’ „Ein deutsches Requiem“ (Opus 45) aufgeführt wurde, gestaltete gemeinsam mit dem bekannten Schauspieler Roman Knižka ein intensives und berührendes Programm. Es musizierten Kathrin Bäz (Querflöte), Friederike Schröter (Oboe), Daniel Bäz (Fagott), Benjamin Comparot (Horn) und Nemorino Scheliga (Klarinette).
Unter dem Titel „Dass ein gutes Deutschland blühe …“ erzählte Roman Knižka von den Jahren 1945 bis 1949 – einer Zeit zwischen Zerstörung und Neubeginn. Er führte die Zuhörenden durch eine Vielzahl historischer Quellen: Tagebuchaufzeichnungen, Feldbriefe, Augenzeugenberichte und literarische Texte, die vom Alltag, den Nöten und Hoffnungen der Menschen berichteten.
Thematisiert wurden die unmittelbaren Nachkriegsjahre: die Kapitulation, die Konfrontation mit den NS-Verbrechen, das Leid der Überlebenden, Hunger, Vertreibung und der schwierige Wiederaufbau. Auch politische Zäsuren wie die Potsdamer Konferenz, die Nürnberger Prozesse, die Währungsreform und die Berlin-Blockade fanden ihren Platz. Musikalisch spannte sich der Bogen von Werken der Nachkriegsavantgarde von György Ligeti und Karl Amadeus Hartmann über Beethoven, Richard Strauss, Schostakowitsch und Eisler bis hin zu zeitgenössischen Schlagern, die das Lebensgefühl der Nachkriegszeit widerspiegelten.
Die Aufführung begann mit der Geschichte von „Siggi und seinen Mitstreitern“ aus Durch die Hölle von Auschwitz und Dachau von Leslie Schwartz, gefolgt von einer Szene aus Bernhard Wickis Antikriegsfilm Die Brücke. Beethovens Allegretto aus der 7. Sinfonie verlieh dem Gefühl von Erschütterung eine musikalische Stimme. Aus den Berichten der amerikanischen Kriegsfotografin Margaret Bourke-White über die Zwangsbesichtigung des KZ Buchenwald las Knižka die Worte: „Wir haben von nichts gewusst.“ Darauf antwortete das Bläserquintett mit dem Allegro con spirito aus György Ligetis Sechs Bagatellen – hell, zersplittert, von innerer Unruhe durchzogen. Die Musik schien den Selbstbetrug der Zeitgenossen akustisch zu entlarven. Ein besonderer regionaler Bezug wurde durch die Schilderung der Ereignisse in Kassel hergestellt: Am 04. April 1945 erfolgte die bedingungslose Kapitulation der Stadt. Zu dieser Zeit waren etwa 80 % der Wohnungen zerstört. Die größte Zerstörung hatte Kassel in der Bombennacht vom 22. Oktober 1943 erfahren, bei der durch 400.000 Bomben etwa 12.000 Menschen teilweise schwer verletzt wurden und 10.000 Menschen ihr Leben verloren. Die Musiker und Musikerinnen ließen den Schrecken des Krieges mit Karl Amadeus Hartmanns Tränen des Vaterlands, anno 1636 in dichten, fast klagenden Tönen hörbar werden.
Am 26. Mai 1945 fand der erste Auftritt der Berliner Philharmoniker nach dem Krieg statt: Ein Sommernachtstraum wurde unter der Leitung von Leo Borchardt musiziert. Der Dirigent wurde nach dem Auftritt aufgrund eines Missverständnisses mit einem amerikanischen Soldaten erschossen – dies las Knižka aus dem Tagebuch der Journalistin Ruth Andreas-Friedrich vor. Die Querflöte im „Tanz der Rüpel“ aus Mendelssohns Sommernachtstraum brachte ironische Leichtigkeit in die düstere Atmosphäre, während das Largo-Allegretto aus Schostakowitschs 9. Sinfonie zwischen Tragik, Angst und bitterem Sarkasmus pendelte. Die Musik spiegelte die Ambivalenz der Nachkriegszeit wider – das Nebeneinander von moralischer Erschütterung und dem Drang weiterzuleben. Ein eingespielter Schwarz-Weiß-Film zur Potsdamer Konferenz leitete in die Phase des politischen Neuaufbaus über. Knižka kommentierte sie als „organisierte humanitäre Katastrophe“, während die Oboe in Richard Strauss’ Oboenkonzert D-Dur den einsamen, sehnsüchtigen Klang einer untergegangenen Welt entfaltete – komponiert von einem Künstler, der selbst in die Schweiz floh, um der Entnazifizierung zu entgehen.
Anschließend berichtete Knižka von den Nürnberger Prozessen, die in der Stadt der einstigen monumentalen NS-Reichsparteitage am 20. November 1945 begannen, bei denen 22 Funktionäre des NS-Regimes angeklagt waren. György Ligetis Presto ruvido aus Sechs Bagatellen umrahmte mit seinen scharfkantigen Rhythmen und dissonanten Klängen die Aussagen aller Angeklagten, „nicht schuldig“ zu sein. Roman Knižka las zudem Berichte über die Situation der displaced persons, der jüdischen Überlebenden der Konzentrationslager, und thematisierte die fragwürdigen Entnazifizierungspraktiken am Beispiel eines Volksschullehrers. Durch die Währungsreform und das Insulanerlied (1948) erreichte die Veranstaltung den Wendepunkt: Aus Trümmern wurde Hoffnung, aus Chaos ein Neubeginn. Mit Glenn Millers Moonlight Serenade und Sholom Secundas Bei mir bist du schön klang das wiedererwachte Lebensgefühl der Nachkriegsjahre an – Tanz, Leichtigkeit, das Aufatmen nach Jahren des Grauens.
Hanns Eislers und Bertolt Brechts Kinderhymne, die dem Abend den Titel gab (Dass ein gutes Deutschland blühe), bildete einen stillen, hoffnungsvollen Abschluss, bevor das Quintett mit dem eleganten ersten Satz aus Jaques Iberts Trois pièces brèves den Bogen zu einem versöhnlichen Finale spannte.
Die Veranstaltung machte deutlich, wie wichtig kulturelle Formen der Erinnerung sind – um das Geschehene nicht zu vergessen und den Blick auf ein „gutes Deutschland“ in Verantwortung und Frieden zu richten. Das Publikum dankte mit tosendem Applaus. Viele Schülerinnen und Schüler zeigten sich beeindruckt von der Verbindung aus Musik, Literatur und Zeitgeschichte. Vielen Dank an Herrn Adami und die Fachschaft Geschichte für die Organisation dieses herausragenden Konzerts.
DEI

