Berichte

Bericht Auschwitz-Fahrt

Als Ehemaliger mit der Q3 auf Studienfahrt nach Oświęcim / Auschwitz (2.-7. Februar 2026)

Als ich Ende Juli 2025 im Fridericianerboten die an die Ehemaligen gerichtete Einladung sah, an der Auschwitz-Exkursion des Abiturjahrganges teilzunehmen, bekundete ich umgehend mein Interesse. Die mehrtägige Reise betrachtete ich als Gelegenheit, die Lager von Auschwitz mit eigenen Augen zu sehen. Seit meiner Schulzeit – etwa ab der Mittelstufe – habe ich viel dazu gelesen oder als Dokumentation gesehen. Zudem beschäftige ich mich mittlerweile schon mehr als 25 Jahre auch beruflich mit der „Archäologie des Nationalsozialismus“ (https://www.academia.edu/121003834). Dass die Reise vom FG veranstaltet wurde, erhöhte zusätzlich die Attraktivität der Einladung. 

Am Montagmorgen (2.2.) um 7 Uhr begann auf dem Busparkplatz am Kleinen Haus des Staatstheaters unsere etwa 825 km lange Hinfahrt: Heiko Siebert und Fabienne Albert als die Exkursion leitende Lehrkräfte, 19 angehende Abiturientinnen und Abiturienten sowie ich als Ehemaliger. Auf einer Raststätte in Thüringen übernahm ein aus Polen stammender Busfahrer das Steuer von seinem Kollegen. Gegen 18 Uhr erreichten wir die Internationale Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim / Auschwitz, unser komfortables Quartier während der nächsten Tage.

Am Dienstagmorgen (3.2.) gelangten wir nach kurzem Fußweg gegen 8.30 Uhr zum Besucherzentrum. Dort trafen wir unsere englischsprachige Führerin, die uns an diesem Vormittag durch das „Stammlager“ (Auschwitz I) und am nächsten durch das Vernichtungslager Birkenau (Auschwitz II) führte. Beim Besuch des in ehemaligen Häftlingsblocks untergebrachte Museums standen wir – nachdem wir im Raum davor das Modell eines Krematorium mit Entkleidungsraum und Gaskammer sowie in einer Vitrine geöffnete Zyklon-B-Blechdosen betrachtet hatten – recht unvermittelt vor einer raumgroßen Vitrine mit menschlichem Kopfhaar; die einzigen sterblichen Überreste Zehntausender Ermordeter, die unmittelbar vor oder nach der Vergasung ihrer Haare beraubt worden waren, um diese als Rohmaterial ökonomisch zu verwerten. In anderen raumgroßen Vitrinen sahen wir Hunderte orthopädische Prothesen oder Körperstützen sowie Tausende Brillen. Zu Bergen aufgehäufte Schuhe – darunter Kinderschuhe, Stiefelchen, Sandalen und Pantoffeln –, von denen jeder einzelne mit dem Schicksal eines Menschen verbunden ist, dem unbarmherzig und grausam in den Gaskammern von Auschwitz und Birkenau das Leben genommen wurde. Und schließlich ein großer Raum mit gestapelten Koffern, beschriftet von den früheren Eigentümern mit Namen und Datum. Hier werden Einzelschicksale greifbar, die in den anschließenden Räumen mit Hunderten bei der Registrierung angefertigter Porträtfotos und Personalbögen ein Gesicht erhalten.

Stilles Verweilen vor den Vitrinen, nähere Betrachtung der Fotos und genauere Lektüre der Aktenblätter waren wegen der dicht getakteten Gruppenführungen leider nicht möglich. Zuweilen herrschte Gedränge in den schmalen Treppenhäusern und Korridoren, so dass unsere Gruppe meist in Bewegung bleiben musste. 

Lediglich im Vorbeigehen konnten wir kurze Blicke in die Räume mit Bettgestellen, sanitären Anlagen oder Schreibstuben werfen; Örtlichkeiten, die in den Berichten Überlebender als Schauplätze konkreter Ereignisse beschrieben werden. Letzteres gilt besonders für die anschließend besuchten Blocks 10 und 11 und den dazwischen liegenden Hof mit der Erschießungswand. Block 10 war die Wirkungsstätte des für seine Experimente mit weiblichen Gefangenen berüchtigten Gynäkologen Carl Clauberg (1898–1963). In Block 11 („Bunker“) gab es wegen der sich dicht gedrängt im Gänsemarsch durch das Kellergeschoss bewegenden Besuchergruppen vor den Stehzellen und der der Zelle, in der 1941 Pater Maximilian Kolbe und seine Leidensgefährten qualvoll verhungerten, keine Möglichkeit zum Innehalten. 

Nach dem Besuch der beeindruckenden Länderausstellung des Staates Israels gelangten wir am Ende unserer Führung – mittlerweile unter spürbarem Zeitdruck – zur Gaskammer und Krematorium I. In der Gaskammer, wo tausende Menschen getötet wurden, und im anschließenden Raum mit den Verbrennungsöfen war unsere Gruppe allein. Im Bericht des aus der Slowakei stammenden jüdischen Häftlings Filip Müller ist das dortige Geschehen schonungslos dokumentiert (Filip Müller, Sonderbehandlung. Meine Jahre in den Krematorien und Gaskammern von Auschwitz [München 1979; Neuausgabe: Darmstadt 2022]). An diesem Ort hätten wir uns mehr Zeit gewünscht.

Am Nachmittag schloss sich in der Internationalen Begegnungsstätte eine Einführung in die Arbeit derselben sowie ein Workshop in englischer Sprache zum Ausschwitz-Album, das Lilly Jacob (1926–1999) am Tage ihrer Befreiung im April 1945 im KL Mittelbau-Dora entdeckt und an sich genommen hatte, als sie auf den Fotos Familienmitglieder und Bekannte erkannte. Dieses einzigartige Zeugnis der Shoah enthält Fotos, die von der SS im Zusammenhang mit der Ermordung ungarischer Juden im Frühsommer 1944 aufgenommen wurden. Sie zeigen die Selektionen auf der „Rampe“ von Birkenau und Jüdinnen und Juden – überwiegend Frauen und Kinder – auf dem direkten Weg von der „Rampe“ in die Gaskammer – also in den letzten Minuten ihres Lebens (Israel Gutmann / Bella Guttermann, The Auschwitz Album. The Story of a Transport [Yerusalem 2004]; Tal Bruttmann / Stefan Hördler / Christopf Kreutzmüller, Ein Album aus Auschwitz. Die fotografische Inszenierung des Verbrechens [Göttingen 2025]).  

Am nächsten Morgen erreichten wir schon kurz nach 8 Uhr Birkenau. Der Busfahrer ließ uns an der Hauptstraße aussteigen, so dass wir und entlang des Bahngleises, auf denen ab Mai 1944 die Viehwaggons mit den Deportierten direkt in Lagers rollten, dem Gebäude der Torwache näherten. Vor uns eröffnete sich die Ansicht des zur Tordurchfahrt führenden Gleises, während sich rechts davon vor uns die enorme Ausdehnung des von Zäunen und Wachtürmen umgegebenen Geländes von 171 ha auftat. 

Nach dem Besuch des „Stammlagers“ am Vortag, wo ehemalige Kasernenbauten des österreichischen Kaiserreiches als Häftlingsunterkünfte dienten, wurde für uns erfahrbar, um wie viel härter die Überlebensbedingungen im Lager Birkenau gewesen sein müssen. Zunächst besuchten wir bei bitterer Kälte und eisigem Wind eine der zugigen Häftlingsbaracken vom Typ Pferdestall, in denen dreistöckige Holzgestelle als Schlafplätze dienten, und eine benachbarte Baracke mit Latrinen. 

Der Rundgang führte uns weiter zur „Rampe“, an der das seit Frühsommer 1944 direkt ins Lager führende Gleis endet. – Eine Örtlichkeit von kaum zu überbietender Intensität, insbesondere wenn man sich Zeitzeugenberichte oder Fotos aus dem erwähnten Auschwitz-Album, welche das Geschehen auf der „Rampe“ unmittelbar nach der Ankunft dreier Transporte ungarischer Juden dokumentieren, vergegenwärtigt. 

Von der „Rampe“ gingen wir nicht direkt weiter zu den nahegelegenen großen Gaskammern und Krematorien II und III – also nicht den kürzesten Weg, den die meisten der aus den Viehwaggons „entladenen“ Menschen gingen. Statt dessen wurden wir zunächst durch den Lagerbereich B II in Richtung Norden bis zum geradezu riesigen Bereich B III („Mexico“) geführt. Unsere Route entsprach dem Weg, auf der die im Sommer 1944 aus dem damaligen Ungarn (einschließlich bestimmter Regionen in der heutigen Ukraine, Slowakei, Rumänien und Serbien) deportierten Jüdinnen und Juden von der „Rampe“ zu der hinter einem Wäldchen gelegenen Gaskammer des Krematoriums V geführt wurden, das anlässlich der „Ungarn-Aktion“ errichtet worden war. Wir erreichten das Wäldchen, wo – wie Fotos aus dem erwähnten Auschwitz-Album zeigen – Frauen und Kinder warteten, bevor sie in die Gaskammer geführt wurden. In unmittelbarer Nähe befinden sich ein Teich und Gruben, in welche die Asche der Getöteten geschüttet wurde. 

Schließlich gelangten wir zu der Freifläche nordöstlich von Gaskammer und Krematorium V, wo im Sommer 1944 die Feuergruben loderten, in denen die Leichname ungarischer Jüdinnen und Juden unter freien Himmel verbrannt wurden, da die Kapazitäten der Öfen in den Krematorien angesichts der vielen aus Ungarn ankommenden Züge nicht mehr ausreichten. Filip Müller (1922–2013), Henryk Mandelbaum (1922–2008) und Shlomo Venezia (1923–2012), überlebende jüdische Häftlinge beim „Sonderkommando“, beschrieben Einzelheiten des unvorstellbaren Geschehens in ihren Erinnerungen. Auf Luftbildern der Royal Air Force ist der Rauch über den Verbrennungsgruben zu sehen.  Ferner gibt es vier Fotos, die im selben Sommer 1944 ein Häftling des Sonderkommandos namens „Alex“ aufnahm, bei denen es sich um Alberto Errera, einen griechischen Marineoffizier jüdischer Herkunft handeln könnte, der offenbar im Spätsommer 1944 bei einem Fluchtversuch erschossen wurde. Diese Fotos sind das einzige überlieferte fotografische Zeugnis des Massenmordes in Auschwitz und von einzigartiger Bedeutung (Georges Didi-Hubermann, Bilder trotz allem [München 2007]). Gerhard Richter übertrug die Fotos auf Leinwand bei der Schaffung seines vierteiligen Zyklus „Birkenau“, von dem sich eine Fotoversion in dem speziell dafür errichteten Ausstellungsbau nahe der Internationalen Begegnungsstätte befindet, den wir am nächsten Tag besuchten.

Entlang der Ruinen von Gaskammer und Krematorium IV, wo am 7. Oktober 1944 der Aufstand der jüdischen Häftlinge beim „Sonderkommando“ begann, gingen wir weiter zum Gebäudekomplex „Zentrale Sauna“ mit Haarschneide- und Untersuchungsraum, Brausen, Entwesungs- und Desinfektionsanlagen. Tief berührte uns die die dortige Ausstellung „Vor der Auslöschung – Fotografien gefunden in Auschwitz“.  

Zu diesem Zeitpunkt befanden wir uns bereits vier Stunden auf dem Lagergelände und es verblieb nur noch knapp eine halbe Stunde, um den mit dem Busfahrer vereinbarten Treffpunkt an der Hauptstraße zu erreichen. Das eigentliche Ziel der meisten anderen Besuchergruppen lag allerdings noch vor uns, nämlich der Bereich mit dem Internationalen Denkmal und den Ruinen der beiden am Ende der Entladerampe befindlichen großen Krematorien II und III mit den unterirdischen Auskleideräumen und Gaskammern.

Ich blieb hinter unserer rasch weitergeführten Gruppe zurück, um mir diesen ganz besonderen Bereich des Lagers zumindest für einige Minuten etwas genauer anzuschauen und auf mich wirken zu lassen. Ich ging um die Ruinen der Krematorien, in deren Gaskammern Hunderttausende Menschen starben, herum. Ich betrachtete die gut erhaltenen Stufen der Treppe, über welche die kurz zuvor an der Rampe selektierten Menschen in den langen Raum hinabstiegen, wo sie sich nackt ausziehen und ihre Kleidung ablegen mussten.  Von dort wurden sie in die im rechten Winkel anschließende, ebenfalls unterirdische Gaskammer getrieben. Über einen Lastenlift wurden ihre Leichname zu den ebenerdig gelegenen Verbrennungsöfen transportiert. Bei der Sprengung durch die SS im Januar 1945 stürzten lediglich die Decken von Entkleidungsraum und Gaskammer ein. Zugangstreppen, Fußböden und die Wände sind erhalten. Sie sind steinerne Zeugen, die auf eine spezifische Weise zu uns sprechen können.  

Mit der Besichtigung einer in Stein gebauten Baracke des Frauenlagers endete unser Rundgang. Auf der Rückfahrt zum Begegnungszentrum wich der Busfahrer von der üblichen Route ab und fuhr uns auf eigene Initiative zur „Alten Judenrampe“ am Bahn-Nebengleis zwischen dem Lager Birkenau und dem „Stammlager“. Hier kamen die Deportationszüge von 1942 bis Mai 1944 an und hier erfolgten direkt nach „Entladung“ die Selektionen. Erst ab Mai 1944 fuhren die Züge auf dem neu gebauten Gleis direkt ins Lager und die Transporte endeten an der neuen „Rampe“ in unmittelbarer Nähe der Gaskammern und Krematorien II und III.

Am Mittwochnahmittag war es den Schülerinnen und Schüler zur freien Entscheidung gestellt, entweder das historische Stadtzentrum von Oświęcim / Auschwitz oder erneut das „Stammlager“ Auschwitz zu besuchen, um den Besuch des Vortages zu vertiefen und z. B. die Länderausstellungen anzuschauen.  Der abermalige Besuch des Lagers unterschied sich atmosphärisch deutlich von dem des Vortages, als viele Gruppenführungen unterwegs gewesen waren. Zudem wurde es recht bald dunkel. Nur wenige Personen hielten sich in den Blocks und auf den Höfen und Wegen auf, die von den hohen Laternen oder den Strahlern der Umzäunung nur spärlich beleuchtet wurden. Der weitgehend dunkle Hof zwischen den Blocks 10 und 11, in der sich die Erschießungswand befindet, war menschenleer. Als ich diesmal durch die Flure des Blocks 11 und das Kellergeschoss mit den Steh- und Hungerzellen ging, hörte ich lediglich den Widerhall meiner eigenen Schritte. Und wenig später war ich in der Gaskammer und vor den Verbrennungsöfen von Krematorium I ebenfalls der einzige Besucher. 

Am Donnerstagmorgen (5.2.) besuchten wir zunächst den bei der Internationalen Begegnungsstätte errichteten Ausstellungsbau, in der wie bereits erwähnt eine der beiden Fotoversionen des Gemäldezyklus „Birkenau“ von Gerhard Richter präsentiert wird. Anschließend fuhren wir nach Harmęże / Harmense, um in der Krypta der Klosterkirche der Franziskaner-Minoriten die Ausstellung „Negative of a memory. Kolodziej“ zu sehen, die das künstlerische Werk des ehemaligen Auschwitz-Häftlings Marian Kołodziej (1921–2009) präsentiert.  Die Bildwerke, die uns in einer einfühlsamen Führung erläutert wurden, hinterließen einen tiefen Eindruck (Halina Słojewsja- Kołodziej, Dein Wege durch die Labyrinthe von Marian Kołodziej. Ein Begleiter durch die Ausstellung [Gdańsk – Harmęże 2023]).

Am Nachmittag folgte in der Begegnungsstätte der Workshop „Kinder über den Holocaust“. Abends ermöglichte Herr Siebert eine Vorführung des Spielfilms „Schindlers Liste“ (1993) von Steven Spielberg zur Vorbereitung der für den nächsten Tag geplanten Fahrt nach Krakau.  

Am Freitagmorgen (6.2.) trafen wir auf dem „Platz der Ghettohelden“ im südlich der Weichsel gelegenen Stadtteil Podgorze den Stadtführer Christan Vogt, der uns die nächsten fünf Stunden kenntnisreich durch Krakau führte. Erstes Ziel war das Gebäude „Deutschen Emailwarenfabrik“ von Oskar Schindler (1908–1974). Anschließend erläuterte Herr Vogt uns die Topographie des von der deutschen Besatzung mit der euphemistischen Benennung „Ghetto“ bzw. „jüdischer Wohnbezirk“ eingerichteten Sammellagers, von dessen Begrenzungsmauer nur noch Teile erhalten sind. In das nur 600 mal 400 Meter große Areal mussten bis zum 20. März 1941 alle jüdischen Bewohner Krakaus umziehen. Auf engstem Raum zusammengedrängt lebten sie dort bis zur endgültigen Liquidierung des „Ghettos“ im März 1943. 

Unser Stadtrundgang führte weiter über die Weichsel in den Stadtbezirk Kazimierz, wo sich ursprünglich das jüdische Viertel befand, von dem mehrere Synagogen und der Friedhof zeugen. Auf dem Platz vor der „Alten Synagoge“ sang die Gruppe auf Anregung von Herrn Vogt das jiddische Lied „Tum Balalaika“. Weiter ging es über den Wawelhügel mit Schloss und Kathedrale, wo wir Gruppenfotos machten, zum Collegium Maius und schließlich zum Hauptmarkt mit den Tuchhallen. Der restliche Nachmittag bot die Möglichkeit zur freien Stadterkundigung, die ich zum Besuch des sehenswerten Archäologischen Museums nutzte. –  Zurückgekehrt ins Begegnungszentrum fand dort am Vorabend der Heimreise eine Abschlussrunde statt. Kassel erreichten wir am Samstagabend (7.2.) gegen 18.45 Uhr. 

Am 22. Mai fand im Musikraum der Schule für Eltern und Interessierte der Schulgemeinde ein von den Schülerinnen und Schülern gestalteter Rückblick auf die Studienfahrt statt. Es war schön, nach dreieinhalb Monaten fast alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Reise wiederzusehen. Von einigen hörte ich, was sie für die Zeit nach den Anfang Juni anstehenden mündlichen Abiturprüfungen planen. Bei den Gesprächen wurden bei mir Erinnerungen an mein eigenes Abitur und diese besondere Lebensphase, die für wichtige Entscheidungen, Veränderungen und Aufbruch steht, lebendig. 

Während der Studienreise fühlte ich mich als „Fridericianer“. Wenn ich im Speisesaal des Begegnungszentrum mich an eine der Tische mit dem Aufsteller „Friedrichsgymnasium Kassel“ setzte, verspürte ich durchaus ein Gefühl der Zugehörigkeit. Das Friedrichsgymnasium verfügt offenbar über eine generationsübergreifende Bindungskraft.

Beeindruckt war ich von der differenzierten Betrachtungsweise, der Selbstreflexion und der Selbstständigkeit im Denken der Schülerinnen und Schüler bei ihrer Begegnung mit den Stätten der Shoah in Auschwitz. Ich bin dankbar für das gemeinsame Erleben in der Gruppe. Ich empfand es als sehr bereichernd, insbesondere da wir uns aufgrund des Altersunterschiedes jeweils aus anderer Perspektive den Orten unbegreiflichen menschlichen Leids in Auschwitz und Birkenau annäherten.

Als wir gemeinsam den Spielfilm Schindlers Liste (1993) sahen, wurde mir erstmals bewusst, dass schon 33 Jahre vergangen sind, dass ich diesen Film im Kino gesehen hatte; zu einer Zeit als die Schülerinnen und Schüler noch lange nicht geboren waren. Für diese lag die Premiere des Filmes so weit zurück wie für mich (Jg. 1961) kurz vor meinem Abitur im Dezember 1979 beispielsweise Filme aus der unmittelbaren Nachkriegszeit wie z. B. „Die Mörder sind unter uns“ (1946) von Wolfgang Staudte – und zwar etwa 15 Jahre vor der eigenen Geburt und damit gefühlt „weit in der Vergangenheit“.  Dass „Schindlers Liste“ bei mir damals in den 1990er Jahren keinen besonders tiefen Eindruck hinterlassen hatte – abgesehen von der Darstellung der Razzia im Krakauer Ghetto und der schauspielerischen Leistung von Ralph Fiennes in der Rolle des KL-Kommandanten Amon Göth (1908–1946) – lag daran, dass ich als Oberstufenschüler und später als Student in den späten 1970er und den 1980er Jahren andere Dokumentar- und Spielfilme zu Auschwitz oder zur Shoah gesehen hatte, die bis heute einen bleibenderen Eindruck als „Schindlers Liste“ hinterließen. Möglicherweise weil diese Filme in geringerem zeitlichen Abstand zu nationalsozialistischer Gewaltherrschaft und Zweitem Weltkrieg entstanden und es damals vor und hinter der Kamera deutlich mehr Zeitgenossen des dokumentierten oder dargestellten Geschehens gab. Ich erinnere mich gut daran, wie sehr mich der heute weithin in Vergessenheit geratene Spielfilm „Aus einem Deutschen Leben“ von Theodor Kotulla beeindruckte, als ich diesen in im Sommer 1978 in einer fast menschenleeren Nachmittagsvorstellung im Gloria-Kino am Ständeplatz sah. Der teilweise im „Stammlager“ Auschwitz und in Birkenau gedrehte Spielfilm beruht auf dem Roman „Der Tod ist mein Beruf“ von Robert Merle, der seinerseits wiederum auf Verhörprotokolle des Prozesses gegen Rudolf Höß (1901–1947) sowie auf dessen autobiographischen Aufzeichnungen basiert, die unter dem Buchtitel „Kommandant in Auschwitz“ bis heute allein in deutscher Sprache mehr als 30 Auflage erfuhren. 

Als im Januar 1979 die US-Fernsehserie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“, im Deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde, war dies ein Thema am Friedrichsgymnasium. Ich erfuhr durch die Serie erstmals vom Massaker in Babyn Yar bei Kyjiw . 

Wenige Jahre später sah ich in einem Münchner Kino an zwei Nachmittagen die mehr als neunstündige Dokumentation „Shoah“ (1985) von Claude Lanzmann. Die langsamen Kamerafahrten an den Orten der Vernichtung und die im Zeitraum 1974–1985 geführten Interviews mit Zeitzeugen hinterließen bei mir bis heute einen tiefen Eindruck. Die Uraufführung von „Shoah“ liegt nun schon 40 Jahre zurück und ist mittlerweile selbst Geschichte. 

Heute im Jahr 2026 liegt der Fall der Berliner Mauer (1989) bereits 37 Jahre zurück, wohingegen zu meiner Zeit als Abiturient (1979) seit Zweitem Weltkrieg, nationalsozialistischer Gewaltherrschaft und Shoah erst 34 Jahre vergangen waren. Unsere Eltern und große Teile des Lehrerkollegiums hatten diese noch Zeit miterlebt. Manche der Väter und Lehrer waren als körperlich oder seelisch Versehrte aus dem Krieg gekommen. Auf unser häufiges Nachfragen hin erzählte Ernst Kaps, der uns als Klassenlehrer 1973–1976 von der Quarta bis zur Untersekunda in Deutsch, Erdkunde und Geschichte unterrichtete, von seinen Erlebnissen im Krieg bis zur seiner in Verwundung in Stalingrad. 

1978 waren seit der Reichspogromnacht „erst“ 40 Jahre vergangen – im November 2027 werden es bereits 89 Jahre sein –, als uns Studentenpfarrer Dr. Heinz Fischer, Leiter unseres Religion-Grundkurses in der Jahrgangsstufe 12, am vierzigsten Jahrestag der „Kristallnacht“ (die damals noch übliche Bezeichnung) in der Dunkelheit eines nebligen Novemberabends in die Untere Königstraße zum ehemaligen Standort der Synagoge führte. Die jetzige Gedenktafel gab es 1978 dort noch nicht. 

Im Sommer 1979 – wenige Monate vor dem Abitur im Dezember – nahm ich meinem Berufswunsch folgend an archäologischen Ausgrabungen in Israel teil. Anschließend reiste ich mit Egged-Bussen durch das Land und besuchte auch die Gedenkstätte Yad Vashem. Wiederholt kam ich in Israel in direkten Kontakt mit Überlebenden der Shoah, die anhand der Aussprache meines Schulenglischs erkannten, dass ich aus Deutschland kam. Sie wechselten dann auf Deutsch – zuweilen gemischt mit Jiddisch – und erzählten von ihrem Leben vor, während und nach der Shoah. – Erst in den letzten Jahren ist mir im Rückblick bewusst geworden, dass meine damaligen israelischen Gesprächspartner keineswegs hochbetagt waren, sondern als etwa Fünfzig- bis Siebzigjährige größtenteils noch mitten im Berufsleben standen.

Während eines Gastsemesters in Saarbrücken sprach 1984 mein dortiger Professor (Jahrgang 1917) mit mir darüber, wie er während des deutschen Angriffskrieges gegen die Sowjetunion als Stabsoffizier, der sich hinter der Front relativ frei bewegen konnte, in einem Fabrikgelände bei Charkiw zufälliger Zeuge der Erschießung jüdischer Bevölkerung durch ein Einsatzkommando wurde. Anfang der 1990er Jahre berichtete mir meine Tante Ruth davon, wie sie als Jugendliche im Januar 1945 zusammen mit meiner Großmutter in der Nähe von Neustadt in Oberschlesien (polnisch Prudnik) einer Gefangenenkolonne begegnete, die sich nach der Evakuierung des Lagers Auschwitz auf dem „Todesmarsch“ nach Westen befand. Sie erlebte, wie einer der um Essen bittenden Gefangenen vor ihren Augen von der begleitenden SS-Wache erschossen wurde.  

Ebenfalls Anfang der 1990er Jahre lernte ich bei einem Aufenthalt in Neve Ilan bei Jerusalem mehrere aus Polen und aus Griechenland stammende Überlebende der Shoah kennen, die dort einen von der Deutschen Bundesregierung alle zwei Jahre finanzierten Aufenthalt im gegenüber der Küstenebene angenehmeren Klima des Judäischen Berglandes verlebten. Einer von ihnen war Shlomo, Busfahrer aus Tel Aviv.  1943 war seine Familie aus Thessaloniki nach Auschwitz deportiert worden. Shlomo schilderte, wie er zusammen mit seinem Vater auf der „Rampe“ von Auschwitz in einem kurzen Augenblick für immer von Mutter, Geschwistern und anderen Familienangehörigen getrennt wurde.

Ich könnte noch andere Begegnungen mit Überlebenden der Shoah nennen. In den letzten Jahren wurden diese aufgrund des hohen Alters und der schwindenden Zahl der Überlebenden jedoch immer seltener. Umso dankbarer bin ich, dass mir in den vergangenen Jahrzehnten die Möglichkeit zu diesen persönlichen Begegnungen gegeben war. 

Nach der Studienreise nach Auschwitz, auf der ich erlebte, wie sich die heutigen Abiturientinnen und Abiturienten des Friedrichsgymnasiums mit der Shoah auseinandersetzen, bin ich bezüglich der zukünftigen Erinnerung an das von Deutschen begangene Menschheitsverbrechen zuversichtlich. Derartige mehrtägige Studienreisen, welche die Voraussetzung und Möglichkeiten zu inhaltlicher Vertiefung, stillem Innehalten und behutsamen Austausch bieten, sind unbedingt förderungswürdig und in dieser Hinsicht zu priorisieren. 

Dr. phil. Wolfgang David M.A.
(Abitur – Dezember 1979 [vorgezogen 13/I])

Frankfurt am Main, 29.6.2026

Suche
Kategorien
Archiv
Termine