Freiheit, Selbstbehauptung und Erinnerung am 8. Mai: Lesung zu Victor Klemperer mit Renatus Deckert
Der 08. Mai markiert das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa, das Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und ist damit zentral für unseren programmatischen Schwerpunkt „Erinnern und Gedenken am Friedrichsgymnasium“. Er steht für Befreiung, Neubeginn und die Möglichkeit eines demokratischen Zusammenlebens.
Zu Gast an diesem Tag für eine besondere Lesung war der Dresdner Autor und Journalist Renatus Deckert. Er las und sprach mit den Schülerinnen und Schülern des Jahrgangs 10 über Victor Klemperer und seine Frau Eva Klemperer. Victor Klemperers Tagebücher aus dem Alltag der Verfolgung in Dresden, die erst nach 1995 ein größeres Publikum fanden, zählen zu den eindringlichsten Zeugnissen des 20. Jahrhunderts und seiner umfangreichen Gewaltgeschichte.
Thema und Termin waren somit bewusst gewählt, markieren sie doch Prüfsteine unserer Erinnerungskultur und ihres immer wieder neu zu diskutierenden, zu definierenden und zu verteidigenden Selbstverständnisses: Wie definieren wir „Freiheit“ nach der Diktatur und im Angesicht der neuerlichen Bedrohung durch den Autoritarismus? Wie behaupten wir uns als Einzelne und als Gesellschaft gegen Unrecht? Und wie bewahren wir die Erinnerung, damit sie nicht zur leeren Formel wird?
Mit viel Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl führte Renatus Deckert die Schülerinnen und Schüler an diese Fragen heran. Er las für sie aus den Tagebüchern eines Mannes, der an die Menschlichkeit glaubte und erleben musste, wie die Unmenschlichkeit immer mehr Raum einnahm. Für viele der Zuhörenden war diese Lesung aus den Tagebüchern die erste Begegnung mit Victor Klemperer. Renatus Deckert fielen die Tagebücher während seines Studiums in Dresden in der Bibliothek in die Hände und ließen ihn seitdem nicht mehr los. Klemperer war Romanist, Intellektueller und akribischer Beobachter seines Alltags im Nationalsozialismus. Die Tagebücher, die er trotz Verfolgung, Demütigung und permanenter Gefahr weiterführte, sind ein Akt der Selbstbehauptung und Selbstermächtigung, sie sind agency: das widerständige Beharren auf einer eigenen Stimme in einem System, das Stimmen zum Schweigen bringen wollte. Sie sprechen zu uns, weil sie den langsamen, oft gar nicht bemerkten, aber zerstörerischen Prozess der Entrechtung dokumentieren – vom bürokratischen Formular bis zur Sprache der Propaganda.
Deckert las Passagen, in denen Klemperer den Ton der Zeit einfängt: wie Worte sich verändern, wie Begriffe besetzt werden, wie das Alltägliche politisch wird. „Worte können sein wie winzige Arsendosen: Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“ Klemperer, als Jude in einer „Mischehe“ entrechtet, setzte dem Ungeist eine Selbstbehauptung im Geistigen entgegen: Festhalten am Bildungsideal, genaues Hinsehen, nüchternes, bisweilen lakonisches Urteilen.
Für die Schülerinnen und Schüler wurde in den gewählten Texten deutlich, dass Freiheit und Würde ohne Sprache nicht zu haben sind. Wer Begriffe kritisch prüft, entzieht der Verhetzung die Grundlage. Wer Worte sorgfältig wählt, schützt die Würde des Gegenübers und die eigene. Besonders bewegend waren Passagen, in denen Deckert auf seine und Klemperers gemeinsame Heimatstadt einging, als Topographie der Tagebücher, die bis heute besteht, und als historischer Ort, etwa in den Schilderungen von seinem Besuch bei Renate Aris, einer der letzten Holocaust-Überlebenden, die die Luftangriffe auf Dresden im Februar 1945 als junges Mädchen überlebt (und als Befreiung erlebt) hat und von deren gelbem Stern er den Zuhörenden erzählte.
Was in der Lesung vielleicht noch offengeblieben war, konnte im anschließenden Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern geklärt werden. So konnte im Rahmen einer Doppelstunde Erinnerung als lebendig und befreiend erlebt werden und Schule zu einem Diskursraum, der sein kann, wie die Tagebücher Klemperers: leise, beharrlich und menschlich.
Ein großer Dank geht an die Hessische Landeszentrale für politische Bildung, den Geschichtsverein Kassel und den Förderverein des Friedrichsgymnasiums. Ohne großzügige finanzielle Förderung wären derartige Veranstaltungen nicht zu realisieren.
Wer mehr über Renatus Deckert erfahren und seine eigenen Texte lesen möchte, kann dies über seine monatliche Kolumne „Wolken und Kastanien“ tun: https://steady.page/de/renatus-deckert/about
Renatus Deckert auf Social Media: Instagram: @renatusdeckert; Bluesky: @renatusdeckert.bsky.social
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